Eine gute Belüftung in Räumen mit vielen Personen, wie zum Beispiel in Kitas oder Schulen, ist in Zeiten von Corona besonders wichtig. Wie Lüftungsanlagen dabei helfen können, die Ansteckungsgefahr zu reduzieren, erläutert Günther Mertz, Geschäftsführer des Fachverbandes Gebäude-Klima e.V. (FGK) in unserem Experteninterview.

Wie tragen Lüftungsanlagen dazu bei, die Virenlast im Raum zu minimieren?

Günther Mertz: Seitdem es wissenschaftlich belegt ist, dass die Übertragung der Corona-Viren hauptsächlich über die Luft abläuft, also über aerosolgebundene Viren, steht die Lüftung insgesamt plötzlich in einem ganz anderen Fokus. Was machen Lüftungsanlagen genau? Durch einen permanenten Luftaustausch entfernen sie Aerosole aus dem Raum und bringen idealerweise 100 Prozent Außenluft ein. Der Vorteil gegenüber der Fensterlüftung besteht darin, dass der Luftaustausch bei Lüftungsanlagen kontrolliert erfolgt: Bevor die frische Luft von außen in den Raum gelangt, wird sie gefiltert, gereinigt und je nach Außentemperatur und gewünschter Innentemperatur temperiert.

Welche unterschiedlichen Lüftungsanlagen gibt es und wie funktionieren diese?

Günther Mertz: Generell unterscheiden wir zwischen zwei verschiedenen Lüftungssystemen. Das eine sind zentrale Anlagen, die einen bedarfsgerechten Luftaustausch sicherstellen. Sie führen die verbrauchte Luft aus den Räumen ab und bringen frische, gefilterte und temperierte Außenluft in die Räume ein. Auf diese Weise findet ein permanenter Luftaustausch statt. Je nach Anforderung an die einzelnen Räume oder Gebäude wird der Luftwechsel in unterschiedlicher Dimension realisiert: Im Wohngebäude wird die Luft pro Stunde 0,8-mal ausgewechselt. Bei Shoppingmalls geht das hoch bis zu einem 3- bis 5-fachen Luftwechsel, weil sich dort mehr Menschen aufhalten und die Wärmelasten deutlich höher sind. Nach demselben Prinzip funktionieren auch die dezentralen Anlagen. Sie sorgen in einzelnen Räumen oder bestimmten Zonen im Gebäude für den beschriebenen Luftaustausch.

Warum ist der Einbau von Lüftungsanlagen in Kitas und Schulen sinnvoll? Was sind die Vorteile gegenüber der Fensterlüftung?

Günther Mertz: Wir müssen generell dafür Sorge tragen, dass in Schulen und Kitas, wo sich Kinder aufhalten, eine hohe Luftqualität sichergestellt wird. Das ist völlig unabhängig von Pandemie-Zeiten. Wir wissen, dass weniger als 10 Prozent der Schulgebäude mechanisch be- und entlüftet sind. Und was das für Auswirkungen hat, wurde im letzten Winter deutlich, als Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer mit Mütze und Schal sitzen mussten, weil durch die Fensterlüftung die Klassenzimmer ausgekühlt wurden. Das ist sicherlich nicht die Lösung und deshalb brauchen wir gerade in den Bereichen, in denen Konzentrationsfähigkeit gefordert wird, eine mechanische Lüftung. Wir haben in Schulgebäuden und Klassenzimmern Messungen durchgeführt und oft einen CO2-Wert von über 3.000 ppm festgestellt, der dazu führt, dass sich die Schülerinnen und Schüler durch die schlechte Luft nicht mehr konzentrieren können und ermüden.  Zum Vergleich: Es sollte so gelüftet werden, dass dieser Wert nicht über 1.000 ppm steigt. Besser ist es, wenn 800 ppm eingehalten werden.

Welche weiteren lüftungstechnischen Maßnahmen gibt es, um die Luftqualität noch zu erhöhen?

Günther Mertz: Im Moment wird häufig über Luftreiniger diskutiert. Es gibt Luftreinigungsgeräte, die tatsächlich in der Lage sind, das Infektionsrisiko zu reduzieren. Das sind hochwertige Geräte, die mit HEPA-Filtern ausgestattet sind und die zu einer Verbesserung der Luftqualität beitragen. Um eine gute Durchspülung des Raums sicherzustellen, haben diese Geräte in der Regel eine Mindesthöhe von zwei Metern. Es ist jedoch zu beachten, dass diese Geräte nur nach dem Sekundärluftprinzip arbeiten, das bedeutet, die Luft wird umgewälzt, gereinigt und von der Virenlast befreit, geht dann aber wieder in den Raum zurück. Und deshalb muss man – auch wenn Luftreiniger im Einsatz sind – die Versorgung mit Außenluft sicherstellen.

Für Kitas und Schulen sind also Lüftungsanlagen besser geeignet. Wie aufwändig ist das Nachrüsten durch Lüftungsanlagen oder einzelne Geräte?

Günther Mertz: Die Industrie hat hier mittlerweile hervorragende Lösungen gefunden, die auch für die nachträgliche Installation geeignet sind. Vereinfacht ausgedrückt werden die Geräte im Raum in Fensternähe aufgestellt und über eine Außenwandöffnung mit der Außenluft verbunden. Und damit sind Sie im Prinzip schon fast fertig und haben ein Gerät, das für den regelmäßigen Luftaustausch sorgt und durch eine integrierte Wärmerückgewinnung das Ganze auch noch deutlich effizienter macht als beispielsweise eine Fensterlüftung. Die dezentralen Lüftungsanlagen sind leicht zu installieren und haben außerdem einen geringen Wartungsaufwand.

Was muss bei der Planung beachtet werden?

Günther Mertz: Bei älteren Schulgebäuden kann es sinnvoll sein, über eine energetische Sanierung nachzudenken, bei der die Außenhülle des Gebäudes und die Anlagentechnik erneuert werden. Bei der Planung einer Lüftungsanlage gilt es als erstes zu klären, wie viele Personen sich in dem jeweiligen Raum aufhalten. Um eine wirklich gute Raumluftqualität und eine Infektionsreduzierung zu erreichen, sind ca. 45 Kubikmeter Luft pro Person und Stunde nötig. Ein Beispiel: Wenn ich weiß, im Raum sind 20 Schüler, brauche ich 900 Kubikmeter Luft pro Stunde. So lässt sich der Bedarf ausrechnen, sodass mit einem überschaubaren Planungsaufwand schnell herausgefunden werden kann, welches Gerät geeignet ist.

Welche Fördermittel gibt es für den Einbau von Lüftungsanlagen?

Günther Mertz: Am 11. Juni 2021 ist die zweite Novelle der Bundesförderung Corona-gerechte stationäre raumlufttechnische Anlagen in Kraft getreten. Damit werden stationäre raumlufttechnische Neuanlagen mit Wärmerückgewinnung für Einrichtungen für Kinder unter 12 Jahren gefördert. Bis zu 80 Prozent der Ausgaben sind förderfähig. Unabhängig davon gibt es allerdings bereits die Möglichkeit, über die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) eine Förderung von ca. 20 Prozent für den Einbau von Lüftungsanlagen zu erhalten. Außerdem haben die einzelnen Bundesländer auch noch mal eigene Förderprogramme, die ebenfalls sehr attraktiv sind. Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Unter wohnungs-lueftung.de gibt es eine Übersicht zu den Angeboten der Bundesländer. Wichtig und ein guter Fortschritt ist, dass die Politik erkannt hat, dass wir Lüftungsanlagen brauchen und diese deshalb gefördert werden. Das gab es vor 10 Jahren noch nicht.

Portrait Günther Merz

Über den Interview-Partner
Günther Mertz ist Geschäftsführer des Fachverbandes Gebäude-Klima e.V. (FGK).

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